Foo Fighters – But Here We Are
Nach ein paar gravierenden Schicksalsschlägen für Band-Kopf und Sympathieträger Dave Grohl veröffentlichten die Foo Fighters am 02. Juni 2023 ihr elftes Studioalbum namens “But Here We Are“. Der langjährige Drummer Taylor Hawkins verstarb plötzlich im Alter von 50 Jahren im März letzten Jahres. Die Mutter von Grohl folgte kurz darauf im Sommer ebenfalls. Das neue Album ist den beiden verstorbenen Menschen gewidmet. Solch schwere Verluste machen Menschen stets zu schaffen, die Ableben geliebter und geschätzter Menschen.
Dennoch sind sie ein integraler Bestandteil des Lebens und müssen mit ihnen umgegangen gelernt werden. Die Kunst, in diesem speziellen Fall die Musik, ist ein exzellentes Ventil, um die dazugehörigen, überwältigenden Gefühle einzuordnen und bedeutungsvoll widerzuspiegeln. Genau das wird auf der neuesten Platte des ehemaligen Nirvana Schlagzeugers, nun Gitarrist und Sänger der Foo Fighters in die Tat umgesetzt. Gelingt dieses Unterfangen mit Erfolg oder wird “But Here We Are“ vom Regen der Zeit verwischt? Schauen wir uns das Album genauer an.

Verlust als Inspiration
Zu erwarten, dass ein Album einer Band, die seit fast 30 Jahren im Musikgeschäft fest etabliert ist, immer noch denselben Drive und Esprit wie zu Beginn der Karriere aufbringen kann, ist schlichtweg utopisch. Menschen altern und reifen im Gleichklang zu ihrer Kunst mit der verstrichenen Zeit und müssen daher keinen zweiten Frühling und das gleiche Gefühl der Losgelöstheit wie beim Anfang erzeugen. Dies ist eindeutig der Fall bei den Foo Fighters und des neuen Werkes “But Here We Are“ und sollte direkt ins Bewusstsein gerufen werden. Auf den folgenden 48 Minuten in zehn Songs gepresst, werden dem ehemaligen Drummer und der eigenen Mutter ein Denkmal gesetzt und beschert die ein oder andere Überraschung.
Die erste Hälfte des Albums sorgt noch eher für ein typisches Foo Fighters-Feeling, jedoch wabern bereits hier melancholische Untertöne latent mit. Schmerzerfüllte, aber wunderschöne Akkordprogressionen leiten Rescued (1) ein, um nach kurzer Zeit von Dave Grohl´s markanter Stimme durchbrochen zu werden. Darauf folgen alle Instrumente und münden in einen altbekannten Foo Fighters Flow. Nach zweieinhalb Minuten gewinnt der Song durch akzentuierte Drum Rolls an Tempo und ein verträumter Refrain verleiht dem Leid der jüngsten Vergangenheit gänsehautbereitenden Ausdruck.
Melancholie zieht sich logischerweise durch jede Faser der Platte. Ein gelungenes Beispiel dafür stellt Under You (2) dar, einer der schnellsten Songs auf “But Here We Are“, oder der Titeltrack (4), der im Refrain Grohl´s Talent für herberen Gesang prächtig unter Beweis stellt und eine zusätzliche Komponente des Schmerzes offenbart. Ein Crescendo der Melancholie, bei dem die Gitarren an Post Punk-Riffs erinnern, bei denen das Schlagzeug sie stilvoll unterstützt. Generell macht Dave Grohl Taylor Hawkins mit seinem gefühlsbetonten Spiel und hervorragenden Akzenten mehr als alle Ehre und es ist ergreifend, ihn auf diesem Album alles am Schlagzeug herausholen zu hören.
Der vielleicht beste Titel des jetzigen Foo Fighters-Albums hört auf Hearing Voices (3). Shoegaze und Post Punk Elemente, die immer wieder auf der gesamten Scheibe durchscheinen, sorgen für eine musikalische Vereinigung von Trauer und Verlust. Gänsehaut wird durch die gespenstisch anmutenden Akkord-Abläufe und den heimsuchenden Text permanent erzeugt und erschaffen ein Lied, welches völlig unter die Haut geht. Die Rock-Ballade The Glass (5) markiert den Mittelpunkt des Albums und wirkt wie in der Zeit eingefroren und könnte direkt aus den 90ern stammen. Prävalente Akustik geht für den Refrain in verzerrte Gitarren über und eine wunderschöne Gesangsmelodie haftet lange im Nachhinein lange im Gedächtnis.

Foo Fighters – Frischer, progressiver Wind
Laut Aussagen der Foo Fighters vereint das elfte Opus die rohe Naivität der Gründungsphase mit erlangter Reife und brutal ehrlichem Tiefgang. Während der erste Teil von “But Here We Are“ mehr auf den rockigen Charme der Anfangszeit setzt, stürzt sich der zweite Teil in emotional aufwühlende Gewässer. Gerade die Initiation der zweiten Hälfte Nothing At All (6), beginnt funky und peppig und wandelt sich in eine Hymne um, die von der Instrumental-Fraktion stimmig initiiert und von gelegentlichen Shouts untermauert wird. Danach wird das Tempo der Musik enorm gedrosselt und die nachdenkliche Phase fängt an. Auf Show Me How (7) ertönen klare, lyrische Referenzen zum Verlust von Grohl´s Mutter und seine Tochter Violet stößt für ein intergeneratives Gesangsduett hinzu.
Eine tragische Atmosphäre entsteht mit der Paarung von lamentierenden Familienmitgliedern und den im Hintergrund wabernden Instrumenten und sorgt mit Sicherheit für Klöße im Hals. Keyboarder Rami Jaffee darf beim nächsten Song Beyond Me (8) prominent in den Vordergrund rücken und lässt die neu geschaffene Grundstimmung weiterhin wirken und hält diese konsequent aufrecht. Lyrisch wird sich mit der Unfähigkeit darüber auseinandergesetzt, diejenigen welche man liebt, endgültig loszulassen.
Mit etwas mehr als zehn Minuten Spiellänge überrascht als nächstes The Teacher (9), einer der längsten Songs der gesamten Foo Fighters-Diskografie. Diese Überlänge fällt in keiner Weise auf und wird effektiv ausgefüllt. Der Song ist gespickt mit coolen Riffs, die eine nebulöse Dunkelheit und Ungewissheit ausströmen. Dazu fluktuiert er auf musikalischer Ebene, indem er kompositorische Themen wieder und wieder aufgreift, ohne dass sie dabei fade wirken – von ruhig zu energetisch und wieder zurück. Alle Bandmitglieder harmonieren schlüssig und kreieren einen regelrechten Sog, wo Schmerz und Stärke fusionieren.
Ein herzsprengendes “Goodbye“ und weißes Rauschen lassen das Lied deprimierend ausklingen und neben Hearing Voices (3) zum Co-Highlight avancieren. Das Ende beginnt mit Rest (10), den bedrückendsten Song auf “But Here We Are“, der sich bewusst für den Schluss aufgehoben wurde. Stellenweise erinnert er auf musikalischer Ebene an das erste Soloalbum von John Frusciante, welches eine ähnliche Zerbrechlichkeit in Musik übersetzen zu wissen vermochte. Schwermütig und depressiv zehrt der Song an der Substanz und schwillt am Ende noch einmal enorm an, nur um die katharische Erlösung in Form einer Explosion zu verweigern. Chapeau Foo Fighters, eine mutige Entscheidung!
Fazit zu Foo Fighters: But Here We Are
Reif und bedacht, dennoch unverkennbar Foo Fighters – das ist eine bündige Zusammenfassung des neuen Werkes der US-Rocker. Der Tod ist ein beständiger und unentrinnbarer Aspekt des Lebens und dessen Auswirkung aus dem nächsten Umfeld wird mit “But Here We Are“ eine tiefgründige Widmung entgegengebracht. Dave Grohl und seine Mitstreiter verarbeiten den Tod eines geschätzten Kollegen und Freundes, ebenso wie der Bandgründer den Verlust seiner geliebten Mutter. Einige Überraschungen wie Post Punk und Shoegaze-Einflüsse, oder ein Vater-Tochter-Duett, welches Tränen bei all jenen hervorquellen lässt, die in unserer heutigen Welt noch ein intaktes Herz besitzen, warten auf. Doch es wird auch auf altbekannte Stärken gesetzt, mit denen sich unzählige Fans immens verbunden fühlen und die Gewissheit versprechen, dass die Foo Fighters keineswegs vergessen haben, was sie ursprünglich definiert. Das elfte Album der Band wagt es, progressive Elemente zu inkorporieren, ohne dass diese dabei erzwungen und unauthentisch wirken, sondern die Motivation liefern, sich wiederholt mit “But Here We Are“ zu beschäftigen und die Tragik des Lebens zu ergründen. Vier von fünf mukken Sternen.
